Design Kultur

Die Bereitschaft, sich einzufühlen

Design Kultur (Bild: Sushil Kashyap via Flickr)

Ich habe schon lange niemanden getroffen der mir sagte, dass man bei ihr oder ihm in der Agentur keine Usability-Tests mache. Klar, ich bewege mich in UX-Kreisen. Das ist natürlich ein gewisser Filter. Dennoch habe ich das Gefühl, dass grundlegende UX-Methoden allgemein bekannt und recht weit verbreitet sind.

Abseits von Agenturen sieht es auch nicht so schlecht aus. Ich meine, dass immer mehr inhouse Design-Teams aufgebaut werden. Selbst die kleinste Firma hat heutzutage doch eine Webpräsenz und einen Blog und ein oder zwei Apps und ein paar Inhalte auf Facebook und Instagram.

Da lohnt es sich schon zwei Konzepter, einen Designer und einen UX Studenten einzustellen und schon hat man die Saat für ein wunderbares Design-Team gestreut. Wenn diese Kreativen ersteinmal im Haus sind, finden sich auf wundersame Weise immer neue Aufgaben für sie.

Da gibt es mal neue Tassen für die nächste Weihnachtsfeier zu gestalten. Der kommende Hackathon benötigt ein eigenes T-Shirt. Die Fotos der GL müssen nachbearbeitet werden und manchmal darf man auch in einem echten Projekt etwas bunt ausmalen oder Usability-Test spielen. Das ist die Phase Design Doing.

Design Doing

Design Doing, also das ausüben von ganz konkretem Design-Handwerk (Research, Konzeption, UI Design) ist zum Großteil wirklich nur eine Frage des Machens. Anzufangen ist ziemlich einfach. Die Software ist oft leicht zu erlernen und weil sich kaum jemand traut die Wahrheit zu sagen (Du, Euer neues Banner sieht wirklich nicht gut aus!) oder schlichtweg nicht in der Lage ist Design zu beurteilen (Also für mich sieht das ok aus.), stellen sich schnell erste Erfolge ein.

Design Doing ist einfach und macht oft Spaß. Man trifft Kollegen aus verschiedenen Abteilungen, darf an echten Meetings teilnehmen und wird sogar zu Kunden mitgenommen.

Irgendwann kommt aber dieser Truman Show Moment. Man kommt ins Grübeln. Design, User Experience, Customer Experience, Service Design, User-centered Design, Human-centered Design, User-driven development, Usability, UX, UX und immer wieder UX.

Design Thinking

Man fängt an sich stärker mit „wahrem“ Design zu befassen. Man lässt den Blick in die Ferne schweifen oder geht den Dingen auf den Grund. Der Fokus verlagert sich von klassischen Design-Disziplinen hin zu komplexen Problemen und deren Verständnis.

In der Design Thinking Phase ist man plötzlich manchmal auf Kollisionskurs mit dem Entwicklerteam, oder noch schlimmer: mit den Business Managern. Man fängt an unbequeme Fragen zu stellen und merkt nebenbei, dass es ein paar sehr wichtige Meetings gibt zu denen man noch nie eingeladen worden ist. Und wenn man plötzlich eingeladen wird, hat man dann überhaupt etwas konstruktives beizutragen?

Die Design Thinking Phase ist eine unglaublich spannende Zeit in der man sehr viel lernen kann. Es ist aber auch eine aufreibende Etappe. Der Col du Tourmalet des Design. Wie bei der Tour de France muss man sich in diesen schwierigen Bergstrecken gut positionieren wenn man am Ende ganz vorne mit dabei sein will.

Design Culture

Wie erschafft man eine firmeninterne Design-Kultur? Forbes.com rät zu den drei F:

  1. Formalize: Make the role of design official throughout your organization.
  2. Foster: Promote design within all your cultural touchpoints.
  3. Flub: Mistakes are good. Odds are that people will respond by embracing new challenges, stretching their skills, and taking more creative risks.

Wenn man sich im Bekanntenkreis umhört oder bei Gelegenheiten (z. B. Bewerbungsgespräch) gezielt nachfragt, so behauptet wahrscheinlich jede Agentur und Firma heutzutage, dass Kunden im Fokus stehen und dass man sich nach deren Wünschen ausrichtet. Das Engagement endet aber viel zu oft in A/B-Tests die leider nichts über die tatsächliche Motivation der Nutzer aussagen.

One essential to running a design-driven company is making sure the right people with the right skill set are in the right place. To start, that means ensuring a chief design lead has a seat at the table where strategic decisions are made. (mckinsey.com)

Eine gut gelebte innerbetriebliche Design Kultur erkennt man beisielsweise am Grad der Wertschätzung von Empathie. Einfühlungsvermögen erlangt man durch Gespräche und Beobachtungen echter Kunden. Einfühlungsvermögen findet man nicht in Session-Daten von letzter Woche.

Erst wenn Design Teil der Firmen-DNA geworden ist, hat man die dritte Hürde gemeistert: Eine nachhaltige und in der Firma fest verankerte Design Kultur.

About Jan (498 Articles)
Informationsarchitekt und Konferenz-Veranstalter (IA Konferenz, die Konzepter-Konferenz: http://iakonferenz.org, MOBX Mobile UX Konferenz: http://mobxcon.com), Podcaster und Twitter Addict. Geboren in Prag, sesshaft in Berlin.

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