Eine App für den Chef

Ein Selbstgespräch

Pope Benedict XIV (Prospero Lambertini, 1675–1758) Pierre Hubert Subleyras (French, Saint-Gilles-du-Gard 1699–1749 Rome).jpg photo by leoncillo sabino

Zum Thema Applikation schreibt das freie Wörterbuch Wiktionary „Applikation: das Feiern einer Messe“ und „das Verabreichen von Heilmitteln.“ Es werden auch Beispiele genannt: „Nach der Applikation durch die Krankenschwester ging es mir deutlich besser“ und „Die Jacke ist mit hübschen Applikationen versehen“ (ein früher Hinweis auf das nahende Wearables-Zeitalter?).

Die nachfolgende Geschichte hat sich wahrscheinlich nie ereignet.

Ganz offensichtlich ist eine Applikation—also eine App—etwas Positives. Kein Wunder also, dass jeder eine haben will. Jeder? Na, ich zum Beispiel.

Aber es gibt auch kritische Stimmen. Stimmen, die nachfragen. „Muss es wirklich eine App sein? Ist eine iPhone Applikation wirklich das, was Nutzer brauchen? Ist es das, was im betrachteten Nutzungs-Kontext am meisten Sinn macht?“ Ja, kann das denn wahr sein?

Da ist man also der Chef einer großen Firma. Ach, was heißt hier Firma? Wir sind ja schon fast ein Konzern! Und man will eine App haben. Und plötzlich kommt der Dienstleister mit einem ganzen Katalog völlig unangebrachter Fragen daher: „Wie viele Nutzer besuchen Ihre Website mit einem mobilen Endgerät? Welche Inhalte und Funktionen werden besonders häufig mobil aufgerufen? Welche Inhalte können abgespeckt oder aufgrund einer niedrigen Priorität ganz weggelassen werden?“ und so weiter.

Ich rede von einer App und die Fragen nach Inhalten! Ja hört mir in diesem Laden denn überhaupt keiner mehr zu?

Da kommt also dieser Dienstleister mit seinem Kreativteam um die Ecke und will sich erst einmal einen Überblick über die verschiedenen Nutzergruppen verschaffen und diese priorisieren. Plötzlich geht es darum, Nutzer kennen und verstehen zu lernen. User-centered Design sagt jemand in einer Telefonkonferenz. Es geht angeblich darum, Erkentnisse aus Beobachtungen von tatsächlichen Anwendern in den Kreationsprozess zu integrieren. Und jetzt fragt auch noch einer, ob man alle Business Requirements vollständig erfasst habe und wie diese mit den Nutzer-Anforderungen am besten matchen können?

Was heißt da Business Requieremnts? Sagte ich nicht bereits, dass ich ganz einfach nur eine App haben will? Für mein iPhone. Für mich. Ich soll mich dazu äußern, ob es wirklich eine App sein soll oder wäre eventuell eine für den mobilen Kontext spezialisierte Website nicht besser? Mobile Website? Was es nicht alles gibt! Man rät mir, rechtzeitig Features zu priorisieren, da auf Smartphones die Darstellungsfläche beschränkt ist. Auch ist der Nutzungskontext angeblich ein anderer. Der User sitzt nicht gemütlich daheim am Computer mit einer Tasse Kaffee auf dem Tisch. Nein, der mobile User ist offenbar immer auf dem Sprung. Ihn gibt es nur To Go, wie den Kaffee am Bahnhof.

Der mobile Nutzer navigiert mit einer Hand, während er auf dem Weg zur Arbeit, zum Supermarkt oder zum Kindergarten ist. Immer ein Auge auf den Verkehr gerichtet. Immer mit einem Ohr an ein weißes Kabel gebunden. Kurze Aktivitätsschübe, Umgebungsdaten, kleine Spiele. Für mehr hat er keine Zeit. Ach ja, abgesehen von keiner Zeit hat er auch keine Maus. Darauf soll das UI Design der mobilen Website optimiert werden.

Und was ist jetzt mit meiner App?

About Jan (501 Articles)
Informationsarchitekt und Konferenz-Veranstalter (IA Konferenz, die Konzepter-Konferenz: http://iakonferenz.org, MOBX Mobile UX Konferenz: http://mobxcon.com), Podcaster und Twitter Addict. Geboren in Prag, sesshaft in Berlin.

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