Google kauft die schönste App der Welt

Auch gute digitale Uhren kommen aus der Schweiz

Timely von Bitspin

Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters und ist von Kultur und Bildung abhängig (mit dieser Aussage habe ich mich jetzt doch ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt – ist das überhaupt noch politisch korrekt?). Zu allem Überfluß ist Schönheit auch noch Geschmacksache. Und wie wir Berater täglich erleben gibt es guten und schlechten Geschmack. Aus der Länge des Stiels kann man nicht auf die Schönheit der Blüte schließen, schrieb einst der Wiener Schriftsteller Peter Altenberg. Ich übersetze das mal in Agentur-Sprech:

Aus der Größe eines Projektteams, kann man nicht auf die Qualität des Endproduktes schließen.

Äh, wie bitte? Nun, ich will mal so sagen: früher hat man Ölgemälde gesammelt oder zumindest bewundert. Später dann Fotografien. Heute sind es Apps die wir fein sortiert aufbewahren und mit leiser Stimme hinter vorgehaltener Hand unseren engsten Freunden zeigen. Früher waren das natürlich iPhone Apps. Für Kreative gab es ja nichts anderes (da war noch das Nokia N9, das schönste Smartphone der Welt – aber leider ohne hübsche Apps).

Leider haben sich viele iPhone App-Designer von Apples Design-Polizei den Geschmack verderben lassen. Erst hat (angeblich) Steve Jobs darauf bestanden, dass nur skeuomorphistische Gestaltung im Stande ist den Nutzer artgerecht abzuholen – und da mag tatsächlich was dran sein, schließlich war das iPhone wirklich ein sehr neues und ungewohntes Produkt. Jetzt wird ganz im Sinne mittelalterlich-religiöser Hysterie mit superminimalistischem Nichtdesign den iPhone Apps der Beelzebub wieder ausgetrieben.

Da haben es Android App-Designer vielleicht einfacher. Sie mussten sich in der Vergangenheit lediglich an 41 shades of blue orientieren. Seit Marissa Meyer aber samt come-hither Pose zu Yahoo gewechselt ist, herrschen im Google Umfeld nahezu paradisische Design-Bedingungen (nehme ich an).

Die Android Welt ist sich einig: die schönste App der Welt ist eine digitale Uhr namens Timely und kommt – wie jede Uhr von Bedeutung – aus der Schweiz. Vielfach besungen, gehuldigt und in offiziellen Google Videos gelobt, darf die kostenlose App von Bitspin aus Zürich auf keinem Android Gerät fehlen.

Schönheit ist überall ein gar willkommener Gast (Johann Wolfgang von Goethe)

Nun hat Google Bitspin “gekauft”. Google Buys Timely Alarm Clock Developer Bitspin, Premium IAP Content Is Now Free titelt die Android Polizei. In der offiziellen Bitspin Meldung wird recht neutral von anschließen gesprochen:

We’re thrilled to announce that Bitspin is joining Google, where we’ll continue to do what we love: building great products that are delightful to use. For new and existing users, Timely will continue to work as it always has. Thanks to everyone who has downloaded our app and provided feedback along the way; we truly appreciate all your support.

Für uns Anwender ist das zunächst ganz gut, ist doch ab sofort Timely auch in der Pro Version kostenlos. Wie es mit der App weiter geht, weiß man nicht. Einige befürchten bereits, dass eine Weiterentwicklung nun ungewiss ist.

Übrigens: wer sich für den Weg vom Uhrmacher zum UX Experten interessiert mag die Geschichte “Watchmakers” (von Thomas Memmel) aus dem kostenlosen UX Storytellers eBook lesenswert finden. Da geht es genau darum.

(Bild: Bitspin)

About Jan (501 Articles)
Informationsarchitekt und Konferenz-Veranstalter (IA Konferenz, die Konzepter-Konferenz: http://iakonferenz.org, MOBX Mobile UX Konferenz: http://mobxcon.com), Podcaster und Twitter Addict. Geboren in Prag, sesshaft in Berlin.

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