Satisficing

Gut genug ist besser als man denkt

satisficing (Bild: Alexis Lamster via Flickr)

Satisficing ist einer dieser Begriffe, die man schon mal hier und da gehört und dann wieder vergessen hat. Was ist Satisficing?

Beim Satisficing versucht man erwünschte Produkt- oder Serviceeigenschaften so gut wie möglich erfüllt zu bekommen und unerwünschte Eigenschaften möglichst gering zu halten, aber immer bei effizientem Einsatz von Zeit und sonstigen Ressourcen.

Als Faustregel formuliert, könnte man Satisficing wie folgt beschreiben: Höre auf nach Alternativen zu suchen, wenn Du eine Option gefunden hast die gut genug ist.

Satisficing wird oft im Gegensatz zu Maximazing verwendet. Bei Maximazing wird versucht das bestmögliche Resultat zu erzielen, ohne Rücksicht auf Zeit und Kosten. Satisficing ist hingegen, wie bereits gesagt, ein wesentlich pragmatischerer Ansatz.

Satisficing: als Kofferwort gut genug

Der Begriff Satisficing ist, was auf Englisch portmanteau heißt. Ein Kofferwort. Also sowas wie Denglisch (Deutsch und Englisch), Brunch (Breakfast und Lunch) oder Organigramm (Organisation und Diagramm) oder ganz aktuell Brexit. Zwei Wörter werden zu einem neuen Begriff verschmolzen. Bei Satisficing sind das satisfy (befriedigen) und suffice (ausreichen). Etwas ist quasi ausreichend gut um eine Kauflust zu befriedigen.

Letztendlich geht es natürlich um decision making. Wie treffen wir Entscheidungen? Oder besser: nach welcher langfristigen, skalierenden Methode gelangen wir zu Entscheidungen? Wenn man als Maximizer nach der perfekten Lösung strebt, wird man eventuell mit dem langen Auswahlprozess unglücklich sein. Zusätzlich wird man möglicher Weise auch nicht wirklich froh mit einer gefundenen Lösung sein. Es bleibt oft die pochende Frage im Hinterkopf: hat man sich für die richtige Lösung entschieden? Hat man eine bessere Alternative übersehen?

Wir Menschen sind wahrscheinlich nur ganz selten wirklich reine Satisficer oder Maximizer. Meistens bewegen wir uns bei unseren täglichen Entscheidungen irgendwo dazwischen. Immer jeweils von Kontext und Motivation abhängig.

Die meisten UX-Interessierten werden sicher den Klassiker The Paradox of Choice: Why More Is Less (P.S.) gelesen haben. Das Buch von Berry Schwartz ist auch 10 Jahre nach seinem Erscheinen noch lesenswert.

In The Paradox of Choice, 10 Years Later spricht Paul Hiebert mit Berry Schwartz:

Is there any sense that the Internet and the rise of customer review sites have assisted in the process of making a decision?

Well, who reviews the reviewers? I don’t find reviews particularly helpful because they’re contradictory, and I don’t know anything about who’s writing them or what their criteria are. When I read reviews while trying to decide which hotel to stay at in a place I haven’t been to before, I’m invariably more confused at the end of reading the reviews than I was at the beginning. Every place is five-stars or one-star. What the hell are you supposed to do? Pitch a tent on the beach, I guess.

Der Begriff Satisficing stammt übrigens nicht von Schwartz, sondern geht auf den amerikanischen Soziologen und Psychologen Herbert A. Simon und sein Buch Models of Man aus dem Jahr 1957 zurück. Darin formuliert Simon seine Sichtweise, dass wir Menschen nicht andauernd nach dem Optimum streben, sondern uns viel mehr immer wieder mit etwas zufrieden geben das einfach gut genug ist.

Die große Frage ist natürlich, wann ist etwas gut genug? Woran merkt ein Kunde, dass ein Angebot gut genug ist?

Satisficing und Maximizing im E-Commerce

Gut genug (satisficing) scheint bei uns Menschen (bei allen Lebewesen?) die default Herangehensweise für alles Mögliche zu sein. Daher empfiehlt es sich, Produktseiten so aufzubereiten, dass Nutzer möglichst sofort sehen was Sache ist. Grundlegende Produktinformationen müssen so schnell wie möglich verfügbar gemacht werden. Sprechende Produkttitel, aufgelistete Vorteile, deutliche Produktbilder und so weiter. Das hilft Kunden schnell zu einer auf gut genug basierten Kaufentscheidung zu kommen.

Maximizer kommen natürlich längst nicht so schnell zu einer Entscheidung. Aber die für Satisficer getroffenen Optimierungen stören sie auch nicht. Maximizer lassen sich eh Zeit. Sie packen Produkte auf Merkzettel, nutzen Vergleiche und schauen sich diverse Produktvideos an. Für Maximizer sind lange Produktbesprechungen und Zufriedenheitssternchen (vom Durchschnittswert profitieren auch Satisficer).

Für Maximizer ist auch die Phase nach einem Kauf sehr wichtig. Kaum haben sie auf den Kaufen-Button geklickt, kommen schon die ersten Zweifel angekrochen. Hat man ausreichend lange recherchiert? Hat man wirklich das beste Produkt gekauft? Der Maximizier benötigt auch nach einem Kauf Bestätigung das Richtige getan zu haben.

Ob satisficing oder maximizing. Rückblickend stellt sich oft heraus, dass gut genug die bestmögliche Wahl war. Und somit haben beide was erreicht. Satisficer und Maximizer.

About Jan (500 Articles)
Informationsarchitekt und Konferenz-Veranstalter (IA Konferenz, die Konzepter-Konferenz: http://iakonferenz.org, MOBX Mobile UX Konferenz: http://mobxcon.com), Podcaster und Twitter Addict. Geboren in Prag, sesshaft in Berlin.

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