Wer soll sterben?

Mögliches Szenario im autonomen Autoverkehr

rainy day photo by Svein Håvard Djupvik

Es ist später Abend. Du bist müde und endlich auf dem Heimweg. Es hat ein wenig geregnet und Du hast ein wenig getrunken. Deine Hände liegen entspannt im Schoß. Das ist einer der vielen Vorteile dieser autonomen Fahrzeuge die man immer öfter auf der Straße sieht. Man kann lenken, muss aber nicht. Entspannung pur.

Auf der Gegenfahrbahn tauchen zwei Lichter auf und werden schnell größer. Plötzlich springt ein aufgescheuchtes Tier auf die Straße. Instinktiv reißt Du den Lenker rum. Dein Auto gerät in ein kontrolliertes Schleudern. Natürlich hat der Computer Deines Fahrzeugs alles im Griff. Computer haben immer alles im Griff.

Bodenhaftung, Temperatur, Gegenwind, Geschwindigkeit aller sich bewegenden Systeme in Deiner Nähe und so viel mehr. Das alles ist zu jeder Sekunde bekannt—also, dem Computer Deines autonomen Fahrzeugs. Du weißt natürlich von nichts.

Du hast noch nicht zu Ende geschrien, da weiß Dein Boardcomputer bereits, dass das ein schwerer Unfall werden wird. Jemand wird sterben.

Drehgeschwindigkeit, Bewegungsrichtung, Fahrzeugtyp, Masse, Winkel, Ortskoordinaten und vieles mehr. Dein Fahrzeug hat blitzschnell alles durchgerechnet und ermittelt daß es Dein Leben mit hoher Wahrscheinlichkeit retten kann, wenn es rückwärts in das entgegenkommende Auto kracht. Dabei würden die Insassen des anderen Autos—ebenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit—lebensbedrohlich verletzt. Eine Fahrerin und zwei Kinder.

Auch der entgegenkommende Wagen ist ein autonomes Fahrzeug. Beide Autos wissen schon eine Weile voneinander. Vor etwa 5 Minuten erfolgte der erste digitale Handshake der zwei Systeme. Übertragungsprotokolle wurden aufgebaut und standardisierte Informationshäppchen ausgetauscht. Maschine-zu-Maschine Kommunikation—das Übliche.

Das entgegenkommende Fahrzeug ist in Alarmbereitschaft, denn die Kinder auf dem Rücksitz sind nicht angeschnallt. Akkustiksensoren, Stressrezeptoren und Blickrichtungsanalysen machen deutlich, daß ein handfester Streit unter Geschwistern in vollem Gang ist.

Dein Auto hat ebenfalls Informationen über Dich an das entgegenkommende Fahrzeug übertragen. Alter, Versicherungsstatus, Körperwerte und so weiter. Verschlüsselt natürlich. In wenigen Mikrosekunden haben beide Fahrzeuge soziale Vektoren und digitale Fingerabdrücke ihrer Insassen verglichen und das Problem erfolgreich gelöst. Du wirst diesen Unfall nicht überleben.

Geschichten wie diese schwirren zur Zeit durch das Web. Ausgelöst von interessanten Artikeln wie Should Your Driverless Car Kill You to Save Two Other People? und The Mathematics Of Murder: Should A Robot Sacrifice Your Life To Save Two? Die Kommentare zu diesen Artikeln sind ebenfalls sehr lesenswert.

(Bild: Svein Håvard Djupvik)

About Jan (501 Articles)
<p>Informationsarchitekt und Konferenz-Veranstalter (IA Konferenz, die Konzepter-Konferenz: http://iakonferenz.org, MOBX Mobile UX Konferenz: http://mobxcon.com), Podcaster und Twitter Addict. Geboren in Prag, sesshaft in Berlin.</p>

2 Comments on Wer soll sterben?

  1. Hey Jan, du solltest anfangen Science Fiction Kurzgeschichten zu schreiben. Dein Stil ist nüchtern und zugleich packend. Ich garantiere dir viele Leser.
    Grüsse Cordt

    • Hallo Cordt, Du meinst da bahnt sich die ganz große Karriere an? 🙂 Na mal abwarten. Ich bin noch nicht ganz überzeugt.
      Liebe Grüße!

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